„Wild wuchern“ – Katharina Köller
Wie oft habe ich mir heute Blut abgewaschen? Einmal zu Hause und einmal vor dem Weggehen. Dann im Railjet, in dem dünnen Rinnsal, das aus dem Wasserhahn ins Becken getropft ist. Im Zug hab ich bemerkt, dass es mir unter den Nägeln klebt.“
Zwei Frauen, ein abgelegter Berg, und die Frage: Wird er mich finden?

Wer beim Wort Alm an malerische Postkarten oder Heidi-Romantik denkt, den wird dieser Roman überwältigen. Wild wuchern von Katharina Köller zeigt einen Versuch des Überlebens.
Marie flieht aus der Stadt, ohne Erklärung, ohne Plan, ummantelt in Heimlichkeit. Unangekündigt kreuzt sie bei ihrer Cousine Johanna auf deren abgelegener Alm auf. Geerbt vom Opa begleiten Johanna nur ihre Ziegen, der Alltag ist rau, aber er ist routiniert. Johanna schätzt die Einfachheit, sie ist zufrieden in ihrer Einsamkeit. Beide Frauen treffen mit voller Wucht aufeinander als Marie plötzlich erscheint. Und doch schickt Johanna sie nicht weg. Sie ahnt, was passiert ist.
Nichts wird von Köller groß erklärt, die Wahrheit steht zwischen den Zeilen. Marie erzählt auch Johanna nichts. Die nimmt die Situation aber an, will Marie in ihren Kosmos integrieren. Im Verlauf der Handlung entblättert sich nur zäh die tragische Geschichte, die in Maries Leben zuvor stattgefunden hat. Hinweise, hier und da immer wieder. Lesende müssen mitlaufen. Manchmal erscheint einem das wie eine Wanderung auf 1000m. Dünne Bergluft, es mangelt an Ausdauer. Gerade bei den Passagen, die die Grausamkeiten andeuten. Ein Ehemann, ein altes Leben in Wien, Erwartungen, Enttäuschungen, Gewalt.

Die Alm mit ihrer Stille, ihrer Routine und ihren unerbittlichen Forderungen ist Arbeit. Sie tut weh. Sie stellt Bedingungen. Wer auf dem Berg überlebt, kämpft.
Köller begeistert mich. Auf wenigen Seiten schafft sie es eine Momentaufnahme zum Herzstück einer genauso tragischen wie alltäglichen, wiederkehrenden Geschichte zu machen. Der Stil der Autorin ist direkt, die Sprache kompromisslos knapp. Keine Landschaftsschwärmereien, kein Pinterest-fähiger Bergnebel. Stattdessen Sätze, die wie kalte Bergluft in die Lunge fahren, Dialoge launisch durchwachsen. Gesprochen wird generell nur selten.
Wild wuchern ist kein Heldinnenepos. Lesende erleben die Geschichte zweier Frauen, erleben Trauma, Flucht, Gefahr. Inmitten einer Landschaft, die nicht tröstet, aber aushält und reinigt.
Wild wuchern bekommt von mir abschließend die folgende Bewertung und wird damit zu einer großen Leseempfehlung meinerseits:

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